Ein Liederabend mit schwedischer Slow-Motion-Rakete

Martin Tingvall, piano

Nicht in Trio-Besetzung, sondern solo. Im Rahmen der 1. Internationalen Flügelwoche des Theaterstübchens tritt Pianist Martin Tingvall – als vierter Act dieses neuen Formats – am 21. 11. 2019 ohne Begleitung auf. Der sympathische Schwede mit Hamburger Wohnsitz tourt mit seinem Solo-Album Rocket im Gepäck durch Deutschland.

Am Donnerstagabend teilt er sich die Bühne mit einigen Zuschauern, was er sichtlich amüsiert als neue Erfahrung bezeichnet. Was gewiss auch für die Damen und Herren auf der Bühne gilt: So auf Tuchfühlung kommt man auch eher selten mit Musikern seines Schlags.

Tingvall, als Solist ein Maler poetischer Klangbilder, hat sein Publikum, der Club ist bis auf den letzten Platz ausverkauft. Ohne Zweifel ist er Pianist und Komponist mit Potential. Davon zeugen nicht die zahlreichen Preise, sondern sein feines und ausgewogenes Spiel. Er hat einen tiefen Zugang zum wunderschön melancholischen Liedgut seiner schwedischen Heimat, das unüberhörbar in seine Kompositionen einfließt und welches er gefühlvoll und beseelt interpretiert. Dazu passen die oftmals schwedischsprachigen und bildhaften Titel seiner Stücke: „En Ny Dag” (Ein neuer Tag) etwa oder „Hjälten” (Der Held) leben vom Charme des hierzulande selten Gehörten und stehen durchaus auch für Tingvalls eigenen Weg.

Der Abend wird eröffnet mit dem ruhig perlenden Floating, gefolgt von From Above, dessen erste Takte an ein schwedisches Kinderlied denken lassen. Das Titelstück der Tournee, The Rocket, wird gefolgt von Piano Man, welches er ursprünglich für vier Pianisten schrieb. Heute spielt er es allein, das geht auch. No Gravity heisst aus gutem Grund so. Spätestens jetzt wird klar, dass dies kein hektischer Abend mehr wird. Bei Lost In Space entwickeln sich über ruhigen Ostinati tänzerische Figuren voller Leichtigkeit: wer auch immer da trudelnd verloren gegangen sein mag, muss seine stille Freude daran gehabt haben. Zum seinem Titel A Blues sagt er selbst, dass es ein Fake-Blues sei. Während seiner Zusammenarbeit mit B. B. King habe er erfahren müssen, das Blues nicht erlernbar sei. Das ist wohl wahr. Nach einem bluesigen Einstieg wird auch aus diesem Titel ein typischer Tingvall.

Berührungsängste mit Pop und dem, was man Gebrauchsmusik nennen mag, hat Tingvall nicht. Die Filmmusik, die er für zwei Tatortfolgen und das Drama Jahr des Drachen schrieb, muss Stimmungen transportieren und unterstreichen, die Autor und Regisseur vorgeben. Auch seine Kompositionen für Udo Lindenberg lassen nicht unbedingt die Herzen eingeschworener Jazzhörender höher schlagen. So what? Vielleicht aber tut es auch dieser hier dargebotenen Musik gut, wenn Tingvall auch als Solist öfters mal die Leinen losmacht und den sicheren Hafen der Komposition für einen Moment hinter sich lässt. Die Hörerschaft dafür hat er gewiss. Go, Martin, go!

Nach zwei Zugaben endet ein ruhiger Abend mit Musik, die bisweilen entrückt und kontemplative Saiten in uns angenehm zum Klingen bringt. Wer wollte, konnte mit einem entspannten Martin Tingvall noch ins Gespräch kommen und einen Tonträger erwerben. Tingvall wird wiederkommen, worauf mensch sich freuen kann.