Donnerstag, Mai 30, 2024
KonzertMesse

jazzahead! 2024

Donnerstag, 11. April

Kika Sprangers Large Ensemble

Die diesjährigen Showcases werden von einer ungewöhnlich besetzten Formation aus den Niederlanden eröffnet. Gleich 4 Vokalistinnen bietet die Band auf, und auch die Bläsersektion ist jenseits des üblichen. Dementsprechend interessant sind dann auch die Soundfarben, die hierdurch möglich sind. Kika Spranger am Sax weiss, wo der Frosch die Locken hat. Die Combo kann melancholisch-dezent und breit-opulent und hat neben der Chefin noch weitere Solisten am Start, die Freude machen. Wenn es zur Sache geht, wähnt man sich in einem amerikanischen Thriller aus den 1970er Jahren. Stark.

Kika Sprangers (sax)
Anna Serierse (voc)
Nina Rompa (voc)
Marit van der Lei (voc)
Līva Dumpe (voc)
Ketija Ringa Karahona (fl)
Alistair Payne (tpt)
Morris Kliphuis (french horn)
Mete Erker (sax, b-cl)
Koen Schalkwijk (p, Wurlitzer)
William Barrett (b)
Willem Romers (dr)


Sultan Stevenson

Den muss man sich merken! Sultan Stevenson aus London hat sein Deutschland-Debüt abgeliefert und das Publikum im Schlachthof förmlich überwältigt. Gerade mal Mitte 20 ist Stevenson, seine beiden Mitspieler dürften nicht viel älter sein. Kraftvoll, dynamisch und hochelegant ist sein Pianospiel, und nicht umsonst zählt er Ahmad Jahmal und McCoy Tyner mit zu seinen stärksten Einflüssen. Jacob Gryn am Bass glänzt mit der solistischen Eröffnung des zweiten Titels, Joel Waters am Schlagzeug lässt Felle und Becken in seinen Soli ordentlich vibrieren. Vielversprechend.

Sultan Stevenson (p)
Jacob Gryn (b)
Joel Waters (dr)


Yumi Ito

Das ist mal ein wildes Trio um die polnisch-japanische Sängerin, die aus der Schweiz nach Bremen angereist ist. Ito sitzt mal am Flügel, mal steht sie vorm Mikro. Ihre Musik changiert zwischen poppig anmutenden Songs und expressiver Dramatik. Sehr stark, wenn sie ihren Scatgesang wie etwa in Drama Queen nach oben schraubt und sich nur von Bass und Schlagzeug begleiten lässt: so viel Feuer, so viel Begeisterung. Ito überzeugt aber an den Tasten ebenso und entwickelt mit den kongenialen Musikern Erlich (db) und Fernandez (dr) einen melancholischen und eindringlichen Furor.

Yumi Ito (voc, p)
Nadav Erlich (db)
Iago Fernandez (dr)


Bálint Gyémánt

A meeting between Jimi Hendrix and Walt Disney, nichts geringeres verspricht der ungarische Gitarrist, der seine Strat ordentlich am Hals packt. Dieser Mann ist ein Energiebündel, sein Spiel irrlichtert zwischen kräftigen Powerchords, sophisticated-jazzigen Soloausflügen und schönem Chord-Melody-Spiel. Die Breaks und Unisono-Figuren sitzen, Bassist Vince Bartók improvisiert sich mitunter wie ein früher Jack Bruce durch die Stücke, Drummer Dániel Ferenc Szabó liefert rocksolide Beats ab. Die leisen Töne kann das Trio auch. Fragt sich nur, warum der Vater des Gitarristen ihn wohl immer wieder fragt, ob er nicht endlich mal Musik spielen wolle, die von den Leuten gemocht wird. 

Bálint Gyémánt (g)
Dániel Ferenc Szabó (dr)
Vince Bartók (b)


Freitag, 12. April

Lisa Wilhelm Quartett

Lisa Wilhelm Quartett bei der Clubnight Baden Württemberg – jazzahead! 2024

Maultäschle goes Bremer Labskaus: Gleich drei Acts hat der Jazzverband Baden-Württemberg mit nach Bremen gebracht. Im Courtyard by Marriot Bremen wird das zweite Set vom Lisa Wilhelm Quartett bestritten. Hochkultiviert und elegant ist das musikalische Angebot dieser Band. Sie vermag durch rhythmische Verschiebungen eine mysteriös-nervöse Atmosphäre erzeugen, wie etwa im Stück Cent Pin Sec. Das geschmackvolle und feinnervige Spiel der Bandleaderin, der sanfte Ton und die eleganten Melodien Lukas Wöglers am Sax,  Pianist Moritz Langmeiers versonnene Akkordik und Bassist Franz Blumenthals Souveränität erzeugen einen anregenden und stimulierenden Cocktail. 

Lukas Wögler (sax)
Moritz Langmaier (p)
Franz Blumenthal (b)
Lisa Wilhelm (d)


Alles nur geklaut, sagt David Giesel

Larceny bei der Clubnight Baden Württemberg – jazzahead! 2024

Der Bandname Larceny, so erklärt es Leader Giesel zu Beginn des Auftritts, bedeutet Diebstahl: Nichts Anderes schließlich wäre es, was er und seine Kollegen auf der Bühne betrieben. Seine Musik sei, sinngemäß wiedergegeben, schließlich nur eine weitere Variation des bereits Gehörten und Vorhandenen. Nach dieser offenherzigen Selbstbezichtigung und -verzwergung bringt die schwäbische Combo trotzdem recht fette Beute zu Gehör. Pianist Moritz Langmeier ist vom vorangegangenen Gig gleich auf seinem Hocker sitzengeblieben, er drückt auch hier auf seine verhaltene Art die Tasten. Eine schwäbische Sparmaßnahme? Eigens für diesen Auftritt von den Färöer-Inseln eingeflogen: Gitarrist Pauli Reinert Poulsen. Solide Kompositionen mit ruhigem Puls und eingängigem Thema sind Grundlage für solistische Ausflüge Julian Drachs, der die Klappen seines Horns sowohl melancholisch wie abstrakt-expressiv zu betätigen weiss. Angenehm ins Ohr gehende, hypnotische Ostinati, sehnsuchtsvolle Unisono-Passagen und gelegentliche kakophonische Steigerungen sind Teil des Soundsspektrums der Band, deren Drummer sowohl mit Sticks, Besen und Filzschlegeln die Spur hält.

Julian Drach (sax)
Jan Mikio Kappes (b)
Moritz Langmaier (p)
Pauli Reinert Poulsen (g)
David Giesel (d)


Samstag, 13. April

Tineke Postma Aria Group

Starker Tobak im Schlachthof: die hochgelobte Saxofonistin Tineke Postma stellt ihr Aria-Quartett vor. Anbrennen lassen sie nichts, Postmas beeindruckendes Spiel – flüssig, eloquent, leicht – entfaltet sich scheinbar mühelos über einem recht frei und abstrakt agierenden Hintergrund. Kraftvoll Bassist Robert Landfermann, der im Duett mit Postma auch mal zum Bogen greift. Drummer Rendfrow, ein trommelnder Kaskadeur, macht die Räume dicht. David Doružka an der Gitarre hellt das Geschehen konzentriert und virtuos auf. Jedenfalls: Die Vier machen ernst.

Tineke Postma (ss, as)
David Doružka (g)
Robert Landfermann (db)
Tristan Renfrow (dr)


Trondheim Jazz Orchestra & Marianna Sangita Røe „Spiti/Home”

Auch am Rand der Jazz-Galaxie leuchten helle Sterne. Die sehr folkgesättigte Darbietung des norwegischen Esembles ist so energiegeladen wie ungewöhnlich orchestriert: Sackpfeife trifft auf Akkordeon trifft auf Tabla… Im Keller werkeln ein E-Bass und eine Tuba gemeinsam. Rhythmisch kann man dem kunterbunten und vielköpfigen Zusammenschluß schon mal nichts vormachen, die Solisten begeistern und der Gesang der drei Sopran-Stimmen ist elektrisierend. 

Marianna Sangita Angeletaki Røe (voc, perc)
Efrén Lopez (oud, hurdy gurdy, laouto, g, perc)
Ina Sagstuen (voc, effects, perc)
Risten Anine Gaup (voc, joik)
Mira Tiruchelvam (fl)
Sissel Vera Pettersen (as, voc)
Jonas Cambien (sax, synth)
Inger Hannisdal (vl)
Oluf Dimitri Røe (vl, voc)
Jovan Pavlovic (acc)
Joel Ring (clo, b)
Heida Karine Johannesdottir (tba)
Sanskriti Shrestra (tablas, perc)
Martin Langlie (dr)


Fotos: Rainer Ortag/jazzreportagen.com