Knechts letzter Streich

In Kassels Opernhaus stellte das Edgar-Knecht-Trio seinen neuen Tonträger Personal Seasons vor. Verstärkung kam vom Trompeter Frederick Köster und, als Bonbon zum guten Schluss, von einem Streichquartett. Ein gelungenes Debut mit furiosem Finale und Standing Ovations.

Die Veranstaltung am 08.09.2019 lief unter der schönen Überschrift TheaterStübchen geht fremd. Schon seit einiger Zeit weicht Markus Knierim vom Live-Club TheaterStübchen in größere Säle aus, wenn der Zuschauerandrang erwartbar groß ist. Zusammen mit Intendant Thomas Bockelmann eröffnete er den Abend. Sie freuten sich sichtlich über die gute Resonanz und äusserten sich positiv über das wachsende Angebot an hochkarätigen Jazzevents in Nordhessen.

Edgar Knecht, umtriebiger Pianist und Komponist aus Kassel, hat sich mit seinem persönlichen Crossover-Jazz eine große Fangemeinde erspielt. Die Verbindung alter Volkslieder mit Jazz kommt an: Seit dem Debut-Album Good Morning Lilofee aus 2010 wächst seine Reputation beständig. Zudem setzt er immer wieder neue Impulse durch Kooperationen wie mit dem syrischen Pianisten und Sänger Aeham Ahmad.

Die Verknüpfung von (europäischem) Volkslied und Jazz ist aber kein Novum, wie man nach Lektüre all der positiven Kritiken zu Knechts Trio vermuten könnte. Sie hat im Gegenteil auch schon Tradition. Stan Getz beispielsweise bediente sich des schwedischen Volkslieds Ack Värmeland, du sköna und nannte es in Dear Old Stockholm um: ein Standard seit vielen Jahren. Jazz på svenska (Jazz auf schwedisch) ist ein 1964 erschienenes Album des Pianisten Jan Johanson im Duett mit Georg Riedel am Bass, darauf 12 Volks- und Tanzlieder im Jazzidiom interpretiert – Esbjörn Svensson wird es gekannt haben. Und hierzulande hat der Kontrabassist Dieter Ilg Ende der 90er mit Wolfgang Muthspiel und Steve Argüelles zwei hörenswerte Alben (Folk Songs, Fieldwork) mit Adaptionen von Volksliedern veröffentlicht.

Nun aber Edgar Knecht. Zu seinen bewährten Mitspielern – dem soliden Rolf Denecke am Kontrabass und dem spielfreudigen Tobias Schulte an den Drums – gesellte sich Frederik Köster an Trompete und Flügelhorn. Schon im März diesen Jahres gab es an gleicher Stelle eine Kostprobe dieser Besetzung. Köster, selbst vielbeschäftigter Bandleader mit zahlreichen Veröffentlichungen, fügt sich so fantastisch und selbstverständlich ins Ensemble ein, dass man ihn sich eigentlich fest im Bandgefüge wünscht.

Schalmei heisst der Opener, zunächst mit Knecht allein am Piano. Das Stück beginnt getragen im klassischen Duktus und wechselt dann in einen lebhaften Latin mit energiegeladenen Soli von Trompete und Piano. Bunte Wälder mit luftigen Passagen und perlenden Pianoläufen bringt Kösters gestopfte Trompete zu Gehör, während Tobias Schulte sein Set streckenweise mit den Händen spielt und dadurch sein klangliches und dynamisches Spektrum erweitert.

Winterschall basiert auf dem Leiermann-Thema aus Schuberts Winterreise. Wer Kassel kennt, weiss um die Ansässigkeit des Wintershall-Konzerns dort. Dementsprechend heiter wird die Ansage des Titels vom Publikum aufgenommen. Schulte spielt hier ungemein facettenreich, seine dichten Rimclicks kommen unangestrengt.

Mit Sommerschall, einer rhythmisch vertrackten Nummer, entlässt die mittlerweile warmgespielte Band ihr Publikum in die Pause.

In Spring Fever greift Köster zum Flügelhorn. Das mit Piano unisono in ruhigem Tempo vorgestellte Thema ist so melancholisch wie süß und inspiriert Köster und Denecke gleichermaßen zu fesselnden Soli. Fog En Nachel, ein musikalischer Ausflug ins Arabische, kommt in der zu Gehör gebrachten Bearbeitung anfangs wie mit angezogener Handbremse daher. Schnitter Tod und The Ship folgen, in ruhigen Momenten übernimmt der Kontrabass die Melodieführung.

Höhepunkt des Abends ist Italian Summer, eine ohnehin schon dynamische Nummer mit reichlich Drive. Das angekündigte Streichquartett (Wolfram Geiss, Cello; Rüdiger Spuck, Viola; Susanne Hermannn, Violine; Dimitrious Papanikolau, Violine; Arrangement: Thomas Geißmann) hebt den Sound, macht ihn farbiger, druckvoller und inspiriert Knecht wie Köster zu langen Soli. Applaus und Standing Ovations.

Die Zugaben, Die Gedanken sind frei und Schlaflied, geben Tobias Schulte und Rolf Denecke jeweils Gelegenheit zu einem eigenen und überzeugenden Statement.