Super Kurt

Sowas von funky. Kurt Elling, bestens bekannt und gelobt als vielseitiger Bariton, ein Jazzsänger ohne Scheuklappen und stets für Neues gut, steht diesesmal nicht vor einer akustischen Combo in klassischer Besetzung. Diesesmal hat der wandelbare Qualitätsgarant eine experimentierfreudige Band (Charlie Hunter, Corey Fonville, DJ Harrison ) hinter sich, die mit elektrischer Verstärkung und vielen Anleihen aus der Hochzeit des souligen Funks und des Hip-Hop ein leckeres Süppchen kocht. Die mitunter tonnenschwere Betonung auf der Eins, die Wahwah-und Synthie-Sounds, das Fender Rhodes und der zappelige Bass, all das geht bestens mit Ellings souveräner Stimme und gesanglicher Auffassung zusammen.

Im Titelstück markiert eine eingängig-angefettete Synthie-Bassfigur wie ein Widergänger aus den 1980ern das lässige Tempo. Freddie Hubbard hat das Thema 1978 auf dem gleichnamigem Album gebracht, mit reichlich Prominenz im Line-Up. Ellings Version lebt von seinen stimmlichen Möglichkeiten, die Lyrics sind aus seiner Feder, die Symbiose mit der Melodie ist perfekt. Gegen Ende geht die Combo nochmals ein wenig vom Gaspedal runter, quasi als Zeitlupenaufnahme der Takte davor. 

Sassy ist eine Hymne der Manhattan Transfer auf eine Sängerin, die sich durch´s Leben schlägt und des Abends jammend an ihrem Durchbruch arbeitet. Ein wenig aufgerauhter und direkter als bei den Transfers geht es bei Kurt Elling zu, DJ Harrison jetzt am E-Bass (oder ist es Charlie Hunter?), Elling mit erzählerischer Attitüde und einem kurzen Scat zum Schluß, garniert wird das Ganze mit einer spacig-minimalistischen Synthie-Line obendrüber. 

Im Tröster Manic Panic Epihanic, sehr gefühlvoll und streckenweise im Falsett vorgetragen, zitiert er den Gospel-Klassiker He´s Got The The Whole World In His Hands stilsicher und respektvoll.

Trägt stets superschöne Sakkos: Kurt Elling. Foto: Cory Dewald

Über Wayne Shorters Komposition entwickelt Elling in Where To Find It eine kraftvolle Interpretation, unterlegt von einer repetiven absteigenden Bassfigur und dezent auf den Achteln durchlaufender Bassdrum, das Keyboard malt gedeckte Farben, der Gesang hypnotisch, nachdenklich, irgendwie rätselhaft. Zum Schluss ein solistischer Schnipsel der Gitarre und ein Break, der den Beat aus der Monotonie hinausführt. 

Der Song Can´t Make It With Your Brain lohnt eine kleine Textrecherche im Netz. Ein dichter Beat bildet das Fundament für Ellings Abrechnung mit allerhand verschwörungstheoretischem Quark, dem man heutzutage z. B. als paarungswilliger Mensch begegnen kann. Das ist intelligent und humorvoll geschrieben, überdies fantastisch gespielt und gesungen und sogar der Papst und Elvis kommen drin vor – mehr geht kaum, Leute! Grund zu guter Laune hat man auch, wenn The Seed aus den Lautsprechern tropft. Der 2002 in Heimarbeit produzierte Song von Cody Chestnutt lädt auch in seiner Ellingschen Auffassung zum Mitnicken und Tanzen ein, klingt aber runder und fertiger als das Original. Stark hier Charlie Hunters etwas ausführlicheren solistischen Einlassungen.    

Dharma Bums, ein melancholischer swingender Roadsong, hat ein Wahwah-Gitarrensolo und endet mit einem Textzitat aus Blues Brothers. Das ist Klasse. Und ist man schon mal unterwegs, kann man ja auch mal in den Zirkus gehen. Über dem atemlosen Beat in Circus – stark akzentuierte Snare, funky Rhythmus-Gitarre, agiler Bass – rezitiert Elling einen bildreichen Text, den Tom Waits 2004 auf Real Gone veröffentlich hat. Beide Versionen miteinander zu vergleichen ist ein Vergnügen, wie auch der sich freispielende Bass am Ende des Stücks. Yeah!

Bei Elling weitet sich Carla Bleys berückend schöne Komposition Lawns nochmal aus. Endless Lawns ist eine Adaption,  die gleichberechtigt neben dem Original besteht. 

This is how we do schließt das Album, ein kleines akustisches Praliné, und that´s how they do indeed. Kurt Ellings Super Blue ist ein sehr eigenständiges und inspiriertes Album. Es wartet auf mit seinen ausgeprägten gesanglichen Qualitäten und zeigt einmal mehr seine Vorliebe für tiefgängige und zeitbezogene Texte. Neu ist die grundsätzliche Geschmacksrichtung, in der sein Gesang eingebettet ist. Das, man kann es nicht anders sagen, ist in jedem Fall gelungen. Charlie Hunter, der nicht nur als Produzent in Erscheinung tritt, sondern auch die Saiten schwingen lässt und die spielfreudigen Corey Fonville und DJ Harrison zeigen sich von ihrer jeweils besten Seite. Einen näheren Blick wert ist gewiss auch das engagierte britsche Label Edition Records, auf dem Super Blue erschienen ist.       

Kurt Elling, Super Blue, Edition Records.
Kurt Elling Voice
Charlie Hunter Hybrid Guitar
DJ Harrison Keyboards
Corey Fonville Drums, Percussion