Donnerstag, November 5, 2026
History

Wallfahrt nach Fehmarn

Oktober 2026

Will man hierzulande noch einmal mit dem Phänomen Hendrix in Verbindung treten, weil der Mann turnusmäßig immer wieder in der Playlist auftaucht, drängt sich eine Wallfahrt nach Fehmarn geradezu auf. Denn dort steht der Hendrix-Gedenkstein, mit sorgfältig herausgemeißelter Stratocaster. Ein Pilgerziel erster Güte, falls man ohnehin schon in der Gegend ist. „Du machst das jetzt“, fordert die Lebensgefährtin mit Nachdruck. „Dann haben wir es hinter uns.“ Damit soll dieser immer wieder mal erwähnte Punkt auf der Lebens-Todo-Liste des Autors abgehandelt werden. Auf geht’s also. Man biegt von der E47 ab Richtung Westen, durchquert Feld, Wiese und ein kleines Dorf, letzteres bestens ausgestattet mit einem Fischbrötchenstand. Ganz im Westen dann erscheint ein Campingplatz mit gebührenpflichtiger Parkgelegenheit. Es ist Herbst, der Himmel düster und die Stimmung bestens. Denn schon leuchtet das Hinweisschild verheißungsvoll: JIMI HENDRIX STEIN 900 m. Das sollte wohl zu schaffen sein.

Auf dem Weg erscheinen Bilder hippieeskester Exzesse vor des Autors innerem Auge. Vor der inneren Nase wabert der Geruch würzigster Cannabismischungen. Und das innere Ohr erst! Da britzelt der Strom und es dröhnen die verzerrten Powerchords. Die Realität besteht linker Hand aus abgeräumten Dauercampingplätzen. Rotten­de Paletten, verrostete Grills, vermooste Planen. Rechts Wiesen und Gebüsch mit vereinzelt hinterlassenen Campingmöbeln in Temu-Qualität darin. Der Autor dreht die Lautstärke vor seinem inneren Ohr noch etwas hoch und schreitet entschlossen voran. Und dann steht er da, der JIMI HENDRIX STEIN. Ein wenig wie ein leicht nach rechts geneigtes Osterei. Sein Fuß wird von Grasbüscheln liebevoll umpuschelt. Ergreifend. Autor und Gefährtin sind allein, jedenfalls fast. Im Hintergrund entsorgt ein betagter Herr mit Schubkarre den Grünschnitt seines Grundstücks im Gelände. Andere Menschen haben sich zuvor schon auf dem Boden verewigt. Weiße Kiesel bilden erhebende Worte wie etwa Love oder Peace. Es geht ein Wind, und ruft da nicht jemand nach einer Mary? Nach in tiefer Versunkenheit absolvierter mehrfacher Umkreisung dunkelt es.

Der Rückweg erfolgt in gelöster Verfassung. Geschafft. Endlich. Frieden stellt sich ein. Jetzt kann es nach Hause gehen.

Zum Schluss gibt es ein Fischbrötchen beim freundlichen Fischbrötchenverkäufer im schon erwähnten kleinen Dorf. Köstlich. Das auf jeden Fall wäre es wert, noch einmal wiederzukommen.

Titelfoto: Regina Heil, im Text: Wolfgang Fricke