Montag, Juni 24, 2024
Konzert

Dieter Ilg Trio beschließt den Kasseler Jazzfrühling 2022 

Dieter Ilg beschäftigt sich als Jazzbassist und -komponist ja schon eine geraume Weile recht erfolgreich mit seinen europäischen Wurzeln. Neben Bach hat er sich bereits mit Verdi und Beethoven auseinandergesetzt, mit seinen Volkslied-Adaptionen tourte er bereits Ende der 90er Jahre, damals begleitet von Wolfgang Muthspiel und Steve Argüelles. Jetzt ist er mit Pianist Rainer Böhm und Schlagwerker Patrice Héral unterwegs, überragende Musiker auch sie, das passt schon mal sehr gut.     

Die Zuhörenden müssen sich gewöhnen. Statt der üblichen Songtitel gibt´s diesmal mehrheitlich Nummern, und zwar die aus dem Bach-Werke-Verzeichnis. Der Abend beginnt mit dem ruhigen 931 aus dem selbigem, schon bald spielt sich Böhm vom einleitenden Thema frei, auffällig die dezent-sichere Begleitung Hérals, Ilgs solistische Einlassung ist beredt und dynamisch.

Siciliano führt den eingeführten Modus fort, beginnt meditativ und verdichtet sich, Dieter Ilg beeindruckt durch kraftvolles akkordisches Spiel, das Stück endet ganz ganz smorzando mit einigen Wisch-sch-sch-schern auf der Snaredrum.

Was ist anders? Anders als bei den meisten Jazzgigs fehlt hier der Szenenapplaus nach den Soli – der stellt sich erst gegen Ende der Veranstaltung bei BWV 1052 ein, einem Stück mit swingend-rockendem Beat, das von Héral wie eine Rocknummer eingezählt wird. Woran liegt es also, dass nicht geklatscht wird? Am an der Klassik hörgeschulten Publikum, welches sich den verjazzten Bach als frivolen Fremdgang gönnt? An der Musik an sich, die so ergreift, dass sich der Spontanbeifall von selbst verbietet? 

Reichlich Applaus jedenfalls gibt es für Goldberg C, bei dem sich Böhm und Héral ekstatisch steigern, während Ilg tapfer den Kurs hält. Das folgende Goldberg B gibt Raum für lyrische Passagen Ilgs und seine beeindruckende Technik. Nach einem ruhigeren BWV 852 gibt es noch einmal Powerplay vor der Pause, das Solo Ilgs wahrlich con fuoco

Vom zweitem Set bleiben, neben der durchgehend hohen Virtuosität und Musikalität des Trios, drei Facetten besonders in Erinnerung. Da ist Böhms faszinierende Performance in BWV 857. Der Pianist zeigt hier eindrucksvoll und überzeugend seine technische Klasse, mit entsprechender Wirkung auf´s begeisterte Publikum. Da ist das schon erwähnte BWV 1052, Showcase für das Solospiel Ilgs: kaum vorstellbar, dass auf dem Kontrabass noch mehr geht, sieht man vom Bogenspiel ab. Und da ist das lange und höchst individuelle Solo von Patrice Héral in 924, der gut gelaunt mit Händen, Besen und Sticks lateinamerikanische Rhythmen trommelt und dabei gelegentlich kleine barocke Schnipsel singt. Mittlerweile hat auch das Publikum eine beachtliche Betriebstemperatur erreicht, der Applaus ist frenetisch.       

Als erste Zugabe gibt es die unverwüstliche Air, stets gern genommen und hier Anlass für den Pianisten zur wahrhaft lustvoll-luftigen Auflösung und Weiterführung. Die zweite Zugabe, von Ilg als Überraschung angekündigt, bietet einen Ausblick auf das im Herbst erscheinende neue Album des Trios. 

Wer wollte, konnte sich noch mit Tonträgern eindecken und sich die Konserven sogleich signieren lassen. Was soll man sagen: Die Schlange war lang.